Eine Idee ist uns geglückt!
Der Verein Glattwägs unterstützt seit 25 Jahren Jugendliche, die den Einstieg ins Berufsleben nicht so leicht schaffen. Was ursprünglich als vorübergehendes Angebot gedacht war, feiert am 25. Juni das 25-Jahr-Jubiläum und ist heute aktueller denn je.
Susanna Rusca Mitgründerin und Geschäftsleiterin von Glattwägs
Als wir vor 25 Jahren mit Glattwägs starteten, dachten wir zuerst eher an ein vorübergehendes Angebot. Bei der offenen Jugendarbeit in Schwamendingen stellten wir fest, dass es einer wachsenden Anzahl Jugendlichen schwer fällt, einen Einstieg ins Arbeitsleben zu finden. Im Auftrag des Jugendsekretariats und der Kreisschulpflege schufen wir daher ein niederschwelliges Angebot, das junge Leute ohne Arbeit ansprechen sollte. «Nicht herumhängen, sondern etwas tun!» lautete das Motto. Unser Ziel war, den jungen Menschen eine Tagesstruktur und eine Beschäftigung zu geben, mit der sie etwas Geld verdienen und Arbeitserfahrungen sammeln konnten.
Aus der Idee wurde ein Verein mit einem Namen, der einerseits einen regionalen Bezug herstellte (Schwamendingen liegt an der Glatt) und auch werbewirksam auf unser Angebot aufmerksam machen sollte. «Wir machen glattwägs alles, was möglich ist – und zwar glattwägs!»
Wertvoller Generationenaustausch
Bereits bei der Gründung von Glattwägs 1986 stand die Auftragsvermittlung im Vordergrund. Den ersten Auftrag vermittelten wir beispielsweise an einen Jugendlichen, der uns den Empfangs-Desk zimmerte. Daran hat sich in den 25 Jahren nichts geändert: Wir suchen für die Jugendlichen keine festen Arbeitsplätze, sondern überschaubare Kurzeinsätze, welche die Jugendlichen selbstständig erledigen können, damit sie ihren Lebensunterhalt bis zu einem gewissen Grad selber verdienen.
Die meisten Arbeitsaufträge erhalten wir von Privatpersonen (90 Prozent). Darunter sind viele ältere Leute, die in ihrem Haus oder Garten Hilfe benötigen beim Putzen, Aufräumen, Einkaufen etc. Dabei zählt nicht nur die Arbeit, sondern auch ein sozialer Aspekt. Die Seniorinnen und Senioren sind nicht nur dankbar für die tatkräftige Unterstützung, sie freuen sich auch über den Besuch von jungen Menschen. Sie freuen sich über die Begegnungen und den Austausch mit der jüngeren Generation. Der Kontakt bleibt oft bis zum Umzug ins Altersheim.
Hilfskräfte sind heute kaum noch gefragt
Unser Angebot war am Anfang auf Schwamendingen beschränkt. Doch da die Nachfrage schnell das Angebot überstieg – also mehr Jugendliche bei uns Arbeit suchten, als wir ihnen bieten konnten – mussten wir unseren Wirkungskreis vergrössern. Schwamendingen ist ein ausgeprägtes Wohnquartier, so dass wir bei der Arbeitsbeschaffung fast nur auf Privatpersonen zählen konnten. Wir suchten nun also in ganz Zürich-Nord auch Firmen, die Hilfskräfte brauchen.
Dabei lässt sich rückblickend eine Entwicklung feststellen: Vor 25 Jahren war es noch einfacher, kurze Arbeitsaufträge zu erhalten. Hilfskräfte, die zupacken konnten, waren bei den Unternehmen gefragt. Eine Qualifikation stand nicht im Vordergrund. Auch ohne Ausbildung hatte man Möglichkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden. Heute reicht das nicht mehr. Es braucht eine Qualifikation, um einen Job zu finden. So existiert beispielsweise auch der Status des «Handlangers» nicht mehr.
Diese negative Entwicklung spiegelt sich auch in den Löhnen: Noch in den neunziger Jahren waren Firmen und Arbeitgeber bereit, einen angemessenen Stundelohn zu zahlen. Heute werden Ungelernte nur noch minimal entlöhnt. Obwohl der Lebensunterhalt teurer geworden ist, konnten wir für unsere Jugendlichen seit 15 Jahren keine Lohnerhöhung erreichen.
Sozialpädagogische Begleitung der Jugendlichen
Glattwägs versteht sich auf der einen Seite als eine Dienstleistung, bei der sich sowohl Jugendliche als auch Auftraggeber kurzfristig melden können und wir dann eine passende Vermittlung herstellen. Doch gefragt sind auch längere Arbeitseinsätze, damit wir für unsere Jugendlichen Schnupperplätze oder sogar Lehrstellen finden können. Denn die Vermittlung von Arbeit ist nur die eine Seite unserer Tätigkeit. Mit unserer persönlichen, sozialpädagogischen Begleitung motivieren wir die jungen Erwachsenen zusätzlich, nicht aufzugeben. Es geht um das Weiterkommen, um das Erlernen von Widerstandsfähigkeit und Selbstsicherheit. Die Jugendlichen sollen die Fähigkeit entwickeln, nicht aufzugeben, sich in jeder Lage wieder aufzurichten. Die einen schaffen es besser, die anderen weniger.
Viele Jugendliche, die zu uns kommen, sind noch nicht bereit, sich beruflich zu integrieren und sich mit ihrer Lebenssituation auseinanderzusetzen. Daher führten wir 1996 auch ein Coaching-Angebot ein, mit dem wir Jugendliche unmittelbar vor und nach Schulabgang begleiten und bei der Lehrstellenfindung unterstützen. Dieses Angebot wurde umso dringlicher, weil der Lehrstellenmarkt sich in den vergangenen Jahren ungünstig entwickelte. Vor allem für Jugendlich mit kleinem Schulrucksack ist die Situation nach wie vor prekär.
So haben wir unser Angebot stets erweitert und der Zeit angepasst. Unser jüngstes Projekt heisst KopfBall. Das läuft so ab: Sechs Jugendliche werden während drei Monaten vollzeitlich mit der Organisation von Strassenliga-Fussballturnieren und Kleinprojekten wie z.B. Gartenpflege beschäftigt. Zugleich wird die verpasste Schulbildung nachgeholt und sie werden bei der Suche nach einer Anschlusslösung unterstützt. Der Pioniergeist lebt weiter und gilt heute noch!
Im Rahmen unseres Jubiläumsjahres möchten wir die Öffentlichkeit über unsere geleistete Arbeit und ihre Erfolgsgeschichte informieren. Dies nutzen wir als Gelegenheit, die Anerkennung und die Verankerung in der Region zu verstärken. Gleichzeitig wollen wir, dass die Arbeitgeber und Sponsoren überzeugt bleiben, dass es sich bei Glattwägs um eine solide und zeitgemässe Institution handelt.
Glattwägs hat sich vom Vereinsangebot zum Partner der Stadt Zürich mit zunehmender Akzeptanz entwickelt. Das Angebot des Vereins Glattwägs wird seit Jahren in einem Leistungsauftrag mit dem Sozialdepartment geführt und die Beiträge sind vom Zürcher Parlament bewilligt. Die ambulante Jugendhilfe dient u.a. der Förderung der Erziehung und Bildung von Jugendlichen. Sie trägt auch dazu bei, die Gefährdung und Benachteiligung von Jugendlichen zu vermeiden oder zu beseitigen. Glattwägs stellt den jungen Menschen zur Förderung ihrer Entwicklung, ein erforderliches Angebot zur Verfügung.

